WARUM IST DIESES PROJEKT NOTWENDIG?
In keinem europäischen Staat gibt es für die beruflich Reisenden berufsbildungspolitische Regelungen - weder im Ausbildungs- noch im Weiterbildungsbereich - obwohl diese Bevölkerungsgruppe im Jahr 1993 gemäß einem Bericht der EU-Kommision eine Population von 424000 Personen aus 9 europäischen Staaten und heute mit 1 Million Mitglieder beziffert werden kann (!!!!was denn nun 424000oder 1 Mio.???). Dennoch findet berufliche Bildung für die beruflich Reisenden in keinem europäischen Staat den erforderlichen Stellenwert. Selbst in Staaten, in denen Berufsschulpflicht besteht (wie z.B. Deutschland) wird kein adäquates Berufsbildungsangebot vorgehalten, so dass in einigen Regionen die Berufsschulpflicht ausgesetzt werden musste. Durch die Nutzung moderner, technisch hoch entwickelter Geräte sind aber die Ansprüche an technisches Verständnis und Know-how gestiegen. Riesige Investitionen verlangen unternehmerische und kaufmännische Entscheidungen und damit die entsprechenden Fähigkeiten und Kenntnisse im kaufmännischen Bereich. Beides hat dazu geführt, dass bei vielen beruflich Reisenden das Bewusstsein für die Notwendigkeit entsprechender Kenntnisse und Fähigkeiten gewachsen ist.
Die berufliche Bildung von Schaustellerkindern und -jugendlichen ist aber durch die Reisetätigkeit der Eltern ständigen Wechseln unterworfen. Obwohl in den meisten Fällen die allgemeine Schulpflicht erfüllt wird, fehlen ihnen doch häufig die erforderlichen Nachweise von erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Schon früh werden sie in den Familienbetrieb integriert und leisten dort ihren Beitrag zum Betriebserfolg. Ihre berufliche Ausbildung ist traditionell geprägt vom Prinzip "learning by doing" in der Familie. Professionelles Know-how in technischen und kaufmännischen Fächern wird jedoch auch im Schaustellergewerbe darüber entscheiden, ob ein Betrieb lebensfähig ist oder nicht. Zudem fehlen den Jugendlichen so die entsprechenden Zertifikate für jegliche Art von Bildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen oder Beschäftigungsmöglichkeiten in anderen Berufsbereichen, die anerkannte Qualifikationen erfordern. Trotzdem mangelt es aber bisher in ganz Europa an geeigneten Unterrichtsangeboten im berufsbildenden Bereich für Jugendliche aus Schaustellerfamilien. Laut Aussagen der deutschen Schaustellerverbände gibt es allein derzeit in Deutschland ca. 5000 Kinder und Jugendliche, die in den nächsten Jahren in die elterlichen Betriebe hineinwachsen. Das Projekt ermöglicht Jugendlichen, berufliche Bildungsmaßnahmen zu ergreifen, um die persönlichen und betrieblichen Zukunftschancen zu verbessern und den ganzen Berufsstand zukunftsfähig zu gestalten.
In der ENTSCHLIESSUNG DES RATES UND DER IM RAT VEREINIGTEN MINISTER FÜR DAS BILDUNGSWESEN vom 22. Mai 1989 über die schulische Betreuung der Kinder von Binnenschiffern, Zirkusangehörigen und Schaustellern (89/C 153/01) werden nationale Maßnahmen zur Verbesserung der Bildungssituation sowohl im allgemeinbildenden als auch im berufsbildenden Bereich für notwendig erachtet und es wird Unterstützung bei der Durchführung zugesagt. Damit wird der Bildungsanspruch reisender Berufsgruppen deutlich unterstrichen. Erneuert und verstärkt wird dieser Anspruch noch durch eine Resolution des Europäischen Parlamentes vom 13.10.2005, wo die Verbesserung der schulischen Situation reisender Jugendlicher eingefordert wird.
Die bildungspolitische Mangelsituation für beruflich reisende Jugendlicher ist in allen Partnerländern ähnlich. Die beteiligten Bildungseinrichtungen wollen daher ihre bisherigen Ansätze und Erfahrungen nutzen, um zusammen mit Schaustellerverbänden und der staatlichen Schulaufsicht nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, die die beruflichen Bildungschancen von bisher benachteiligten Jugendlichen verbessern. Hierdurch wird auch ein Beitrag geleistet, die bestehende lebendige Volksfesttradition in Stadt und Land in ihrer Vielfalt zu erhalten.



